Pressemitteilung 2007

Pressenotiz vom 19. Juni 2007


Zwei Jahrzehnte Bremer Klavierwettbewerb

Vom 07. - 17. Oktober 2007 findet der Bremer Klavierwettbewerb'07 wieder gesamteuropäisch einschließlich der Staaten der GUS sowie Israels und der Türkei unter der Schirmherrschaft des Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier statt.

Der Hauptausschuss hatte auf seiner Zulassungssitzung am 15. Juni 2007 62 Pianistinnen und Pianisten aus 18 europäischen Ländern zur Teilnahme zugelassen.
Mit einem umfangreichen Solorepertoire sowie wahlweise einem Klavierkonzert von Beethoven, Chopin, Liszt, Mozart, Schumann, Rachmaninov oder Tschaikowsky werden sich die Teilnehmer in drei Durchgängen und der Finalrunde mit Orchester einer internationalen Jury stellen. Für diesen Wettbewerb wurde eine Auftragskomposition vergeben. Die Komposition "exkursion" von Werner Heider wird im
3. Solodurchgang gespielt und im Preisträgerkonzert uraufgeführt.

Von Montag, 08. Oktober bis Sonntag, 14. Oktober 2007 finden die drei Solodurchgänge im Sendesaal von Radio Bremen Hörfunk statt - der Eintritt ist frei.
Das Finale mit Orchester ist am Dienstag, 16. Oktober 2007 um 19:00 Uhr (Live-Übertragung Nordwestradio) - und das Preisträgerkonzert am Mittwoch, 17. Oktober 2007 um 19:30 Uhr (Live-Mitschnitt Nordwestradio) - im Großen Saal der Glocke in Bremen vorgesehen. Es spielen die Bremer Philharmoniker unter Leitung von István Dénes.

Für die Jury konnten gewonnen werden:
Konstanze Eickhorst - Deutschland - Vorsitzende
Pi-Hsien Chen - Deutschland/ Taiwan
Homero Francesch - Schweiz
Filippo Gamba - Italien
Kalle Randalu - Estland
Wilfried Schäper - Deutschland
Nina Tichmann - USA


Traditionell findet im Foyer des Sendesaals wieder eine Ausstellung statt - diesmal
wird die Zentralbibliothek Musik Bremen besondere Schätze präsentieren.

Nähere Informationen unter 0421-445642 oder Email info@bremerklavierwettbewerb.org.

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Weser Kurier 17. Oktober 2003


Gestaltungsdrang junger Virtuosen

Preisträgerkonzert in der Glocke

Von unserem Redakteur
Arnulf Marzluf

Auch beim Schlusskonzert des Bremer Klavierwettbewerbs mit Verleihung der Preise herrschte jene Workshop-Atmosphäre, die eigentlich das Lebenselement der Kultur bedeutet: dem ewigen und der Sache gar nicht immer dienlichen Anspruch auf den Pomp endgültiger Vollendung abhold. Gerade weil es ein Wettbewerb von Musikern ist, die ihren geeigneten Weg ins Konzertleben suchen, geht es um den Kern der Sache: wie baue ich einen Klang, eine Figur, einen Übergang auf, wie finde ich die geeignete Großform, in welchem Ausdrucksfeld finden wir - Publikum und Pianist - uns am Ende zusammen. Dinge, die in anderen Konzerten oft leicht verloren gehen. Dies mag der Grund sein, weshalb der öffentliche Teil und die Schlusskonzerte dieses Wettbewerbs ein so großes Echo beim sachkundigen Bremer Publikum erreichten.
An dem Bulgaren Julian Gorus (1. Preis), der das gut eine Viertelstunde dauernde Auftragsstück von András Hamary spielte und nach der Pause Tschaikowskis b-Moll-Konzert (op. 23), konnte man beobachten, wie ein starker individueller Gestaltungswille vereint mit stupender Technik mit der objektiv gegebenen Gestalt der Komposition ringt.
In dieser Offenheit und Unmitttelbarkeit kann man das vielleicht nur noch in diesem Stadium der Aneignung der große Werke erleben. Die Konsequenz bis Rückhaltlosigkeit, mit der Gorus die Figuren auszuhören sich anschickte und entsprechende Klangmittel einsetzte, sich oft wie ein wilder Jäger auf Spurenlese begab, um zu vernehmen, wohin das Material denn wolle, war so ungewöhnlich wie tief beeindruckend.
Es forderte natürlich auch die Bremer Philharmoniker zu einer nicht alltäglichen Flexibilität heraus, um von dieser subjektiven Spontaneität nicht abgehängt zu werden. Unter der Leitung von Gabriel Feltz ergab sich ein ungewöhnlich unprätenziöser, bis auf die Knochen ehrlicher, das heißt einen auf das reine musikalische Material russischer Melodien- und Tanzseligkeit und donnernd berstenden Ausdrucks gebrachter Tschaikowski. Im Untergrund schläft bei Gorus zudem der auch wichtige gebändigte aggressive Zugriff, die Klaue für die Tasten.
Die in diesem Jahr entstandene Sonate des 1950 geborenen Pianisten und Komponisten András Hamary war eine gemäßigt moderne und sehr auf den "Wortschatz" des Klaviers abgestimmte Klangstudie. Da waren die typischen Klangballungen im Bassbereich, die aufscheinend melodischen Linien, der fistelige Diskant, das orgelpunktartig eingesetzte Nachschwingen- und Hallen der Saiten - fast eine summarische Erinnerung eines Pianisten an die Klavierliteratur, für einen kurzen Traum auf wenige "Embleme" komprimiert.
Der Abend war vor allem auch kurzweilig des Spaßes am erreichten Können und an der Virtuosität wegen, den die jungem Leute mitbrachten. Wie geschaffen für Spiellaune und Demonstration, in der Schule der Geläufigkeit bestens abgeschnitten zu haben, war die rondoartig aufgebaute Sonate von Carl Vine aus dem Jahre 1990, die Dorel Golan (3. Preis) spielte. Wie man mit zwei "Bewusstseinen" denken, also kleine Themenkomplexe parallel laufen lassen kann, kam anschließend in der Bearbeitung des Türkischen Marschs von Arcadi Volodos zum Ausdruck.
Yulianna Avdeevas (2. Peis) balancierte die beiden Seiten Prokofjews, das selig Melodische, melancholisch Gedämpfte auf der einen und das heiter burleske Moment in den technizistischen Repetitionen auf der anderen Seite geradezu würdevoll aus. Die düster gestimmten Partien in der 2. Sonate in d-Moll waren von der kühlen Brillanz des Maschinellen kaum noch aufzuhellen - eine stilistisch niveauvolle Leistung der jungen Pianistin, die mit Gregorij Ginsburgs Bearbeitung des Figaro-Themas aus dem "Barbier" als Zugabe für Begeisterung sorgte.

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Weser Kurier 17. Oktober 2003

Auf attraktivem Mittelweg zum Erfolg

Gedanken eines lauschenden Gastes aus der Jurorenlogedes Bremer Klavierwettbewerbs

von Peter Cossé

Zu den erhabenstens Chancen des Künstlers zählt es, sich von gesellschaftlichen Zwängen (oder Gesetzmäßigkeiten) loszusagen, um seine Kunst in einem quasi freien Erlebens- und Projektionsraum zu entfalten. Nicht anders ist es zu begreifen, wenn vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (und natürlich auch heute!) einander widersprechende, gegensätzliche interpretatorische Haltungen zu beobachten sind, die unter ganz besonderen Umständen sogar in direkten Wettstreit miteinander stehen.
Es empfiehlt sich, die Musikszene der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen. In den Tagen des deutenden Alleinganges waren die Künstler im Allgemeinen noch einzig und allein auf den Notentext verwiesen. Natürlich hatte man von manchen Stücken Konzertinterpretationen im Gedächtnis, aber auch diese waren die Frucht einer stummen, gleichwohl flammenden Zwiesprache zwischen dem Geschriebenen und dem erwägenden, auch flammenden Temperament des jeweiligen Spielers. Keine Tonträger, kein durch technische Konservierung und Vervielfältigung kanalisiertes interpretatorisches Wertgefühl leiteten und kanalisierten die darstellerischen Bemühungen.
Das bedeutet in allerletzter und unglücklichster Konsequenz: der Musikant unserer Tage bietet gestalterische Anpassung - gewissermaßen verfügte, mehrheitsfähige Werktreue! - auf möglichst hohem technischem Niveau, um einem vorinformierten Publikum oder einer spezialisierten Jury die Möglichkeit zu geben, die eigenen Maßstäbe, die eigenen Erfahrungen in seinem Spielverhalten wiederzuerkennen. Er pariert dem Zeitgeschmack. Erfolg und Gewinn hat im Allgemeinen, wer seinem Können und seinem Wirken Mehrheitsfähigkeit verleihen kann. Den Zuschlag erhält erfahrungsgemäß jener, der einen attraktiven Mittelweg einschlägt, in kluger Abwägung ästhetischer Reize, der Gesamtkosten, der politischen Lokalatmosphäre und vielleicht sogar in Kenntnis des Juryprofils.
Indes: kein System hätte Chancen, gelebt zu werden, wenn es nicht Freiräume der Widerspenstigkeit und der Regelwidrigkeit eröffnen würde. Unter ganz besonderen Umständen gelingt es waghalsigen Naturen, gleichsam in autonomer Abenteuerlust (oder Sturheit), selbst konservativste Hörer für sich einzunehmen, das heißt: im unwiderstehlichen Angriff auf den hörenden Gegenüber und zugleich auf die geliebten Konventionen vermögen sie kraft ihrer Persönlichkeit und ihres Könnens neue Maßstäbe zu setzen. Das Neue, das Fremde changiert im rätselhaften Quantensprung zum Altvertrauten. Es scheint, als ob das Ungekannte nur auf der Lauer gelegen hätte, um nun endlich an die Stelle des Eingeübten zu treten.
Unversehens haben wir Musikenthusiasten es nicht länger mit musikalischen Vollzugsbeamten, mit Bürokraten des Tasten-wesens zu tun, sondern mit faszinierenden Charakterköpfen und ihren entsprechenden Charakterorganen - gleich, ob sie nun schlagen, streicheln, blasen, zupfen oder streichen. Musik in ihren verschiedensten Vitalformen und Aggregatzuständen bleibt nicht länger auf Punkte, Striche und Komma, nicht länger auf aufführungspraktische Richtigkeit eingeengt. Nein, sie entfaltet sich neu und unwiederholbar als Botschaft, als Kunde eines Anderen, eines Unbenennbaren, das uns erschauern und erahnen lässt, was es mit diesem oder jenem Stück in Wahrheit auf sich haben könnte.
In Bremen nun erlebten wir Juroren eine in gewisser Hinsicht altmodische, gleichwohl in ihren musikalischen Gegensätzlichkeiten und Unvorhergehörtheiten zukunftsweisende Veranstaltung. Selten habe ich (meist) junge Pianisten erlebt, deren Leistungen von Stück zu Stück, von Durchgang zu Durchgang so schwankend im Positiven des Bewussten, aber auch im Bedenklichen des Verfehlens waren. Von Tag zu Tag also eine monumentale Lehrstunde, ein erregendes Privatissimum unterschiedlichster Mitteilungen und Verheimlichungen, was die Interna der betreffenden Werke anbelangte - und natürlich auch in Bezug des technischen Ausbildungsstandes und der momentanen seelischen und körperlichen Verfassung.
Dabei sollte eine Problematik nicht unerwähnt bleiben. Im an sich gemütlichen, familiären Sendesaal von Radio Bremen gibt es für die Juroren keine Möglichkeit, sich etwas mehr im Hintergrund zu platzieren. Wer schon würde im Konzertsaal die erste Reihe wählen?! So kommt es zu einer Atmosphäre mit ungewolltem Vernehmungs-charakter. Die Spieler fühlen sich nicht nur publikumsmäßig belauscht, sondern auch beobachtet - und sie können aus den Augenwinkeln jede Reaktion der Jury dechiffrieren. Hinzu kommt, dass ein kraftvolles, auf einen größeren Saal hin justiertes Klavierspiel - aus dieser Nähe erlebt - allzu leicht eine brutale akustische Dimension gewinnt. In der Glocke wirkten die Dimensionen dann zurechtgerückt, denn dort hatte ein im wahrsten Sinne des Wortes raumsprengendes Klavierspiel wie jenes des Siegers Julian Gorus den gesunden Charakter überwältigender, gleichsam jugendlich-erwachsener Strahlkraft ohne jede Beengung von Raum und resonierender Zeit. Es wäre deshalb zu überlegen, den dritten Solodurchgang in der Glocke auszutragen.
Ähnlich dem Ärzte- und Psychologenmilieu unterliegen wir Juroren der Schweigepflicht, was uns freilich nicht dazu verurteilen wird, mundtot zu sein. Die meisten von uns fühlen sich nicht als Polizisten eines musikalischen Straßenverkehrs, dessen Sünder mit Strafen, beziehungsweise mit Spielberechtiungsentzug belegt werden. Wir hören, wir lernen, wir staunen, wir diskutieren - auch heftig - über all jene Charaktere, die aus vieler (auch grässlicher) Herren Länder mit ihren Hoffnungen und auch Fehleinschätzungen angereist sind. Wir lernen - dank sei dem der Gegenwart holden Wettbewerbsprogramm in Bremen - neue Stücke kennen, wir werden gezwungen, uns über eingelernte Bewertungsmuster Rechenschaft zu geben und sie gegebenenfalls zu revidieren.
Es herrscht unter den Juroren ein Wettbewerb der Anschauungen, der sich im Ja und Nein, später in den Punkten niederschlägt. Ein engagiert, aber friedlich ausgetragener Wettstreit mit allen Konsequenzen der Bestätigung, der kollegialen Nähe und der Distanzbildung. Und einmal mehr darf ich es für alle Zukunft wünschen, ja fordern, auch hier im Reglement zu verankern, dass der bewertende Juror seine Schüler zu Hause lassen sollte. Es bleibt eine schier unmenschliche Aufgabe, nicht nur korrekt zu bleiben gegenüber dem eigenen Schutzbefohlenen, sondern auch gegenüber den "Konkurrenten". Der Bremer Wettbewerb ist vom Pulsschlag einer fachbezogenen Freundschaftlichkeit geprägt. Internationalität scheint hier nach einem langbewährten Muster in Familiensinn umgemünzt zu sein. Die Pianisten und Pianistinnen fühlen sich gefordert und geborgen zugleich. Sie zögern nicht, die Juroren anzusprechen, sie knüpfen untereinander jene Bande, die - wie auch in diesem Jahr - die zartesten sein können.
Dies macht unsere Arbeit leicht, weil wir das Gefühl haben, die für den jeweils nächsten Durchgang Abgewiesenen nicht ins Unglück und schon gar nicht in ein momentanes Vakuum zu stürzen. Und was eine Jury als eine sonderbare Zufallsgemeinschaft aus Individualisten, aus fruchtbaren Sonderlingen, aus spielenden Berühmtheiten und mehr oder weniger namhaften Hauptberufsbeobachtern anbelangt, so ist es eine der schönsten Erfahrungen, weitgehend in Harmonie auseinanderzugehen, ja mehr noch: es herrscht Vorfreude, sich andernorts oder sogar in Bremen wiederzutreffen.