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Weser Kurier 17. Oktober 2003
Gestaltungsdrang junger Virtuosen
Preisträgerkonzert in der Glocke
Von unserem Redakteur
Arnulf Marzluf
Auch beim Schlusskonzert des Bremer Klavierwettbewerbs mit Verleihung der Preise herrschte
jene Workshop-Atmosphäre, die eigentlich das Lebenselement der Kultur bedeutet:
dem ewigen und der Sache gar nicht immer dienlichen Anspruch auf den Pomp endgültiger
Vollendung abhold. Gerade weil es ein Wettbewerb von Musikern ist, die ihren geeigneten
Weg ins Konzertleben suchen, geht es um den Kern der Sache: wie baue ich einen Klang,
eine Figur, einen Übergang auf, wie finde ich die geeignete Großform, in
welchem Ausdrucksfeld finden wir - Publikum und Pianist - uns am Ende zusammen. Dinge,
die in anderen Konzerten oft leicht verloren gehen. Dies mag der Grund sein, weshalb
der öffentliche Teil und die Schlusskonzerte dieses Wettbewerbs ein so großes
Echo beim sachkundigen Bremer Publikum erreichten.
An dem Bulgaren Julian Gorus (1. Preis), der das gut eine Viertelstunde dauernde Auftragsstück
von András Hamary spielte und nach der Pause Tschaikowskis b-Moll-Konzert (op.
23), konnte man beobachten, wie ein starker individueller Gestaltungswille vereint
mit stupender Technik mit der objektiv gegebenen Gestalt der Komposition ringt.
In dieser Offenheit und Unmitttelbarkeit kann man das vielleicht nur noch in diesem
Stadium der Aneignung der große Werke erleben. Die Konsequenz bis Rückhaltlosigkeit,
mit der Gorus die Figuren auszuhören sich anschickte und entsprechende Klangmittel
einsetzte, sich oft wie ein wilder Jäger auf Spurenlese begab, um zu vernehmen,
wohin das Material denn wolle, war so ungewöhnlich wie tief beeindruckend.
Es forderte natürlich auch die Bremer Philharmoniker zu einer nicht alltäglichen
Flexibilität heraus, um von dieser subjektiven Spontaneität nicht abgehängt
zu werden. Unter der Leitung von Gabriel Feltz ergab sich ein ungewöhnlich unprätenziöser,
bis auf die Knochen ehrlicher, das heißt einen auf das reine musikalische Material
russischer Melodien- und Tanzseligkeit und donnernd berstenden Ausdrucks gebrachter
Tschaikowski. Im Untergrund schläft bei Gorus zudem der auch wichtige gebändigte
aggressive Zugriff, die Klaue für die Tasten.
Die in diesem Jahr entstandene Sonate des 1950 geborenen Pianisten und Komponisten
András Hamary war eine gemäßigt moderne und sehr auf den "Wortschatz"
des Klaviers abgestimmte Klangstudie. Da waren die typischen Klangballungen im Bassbereich,
die aufscheinend melodischen Linien, der fistelige Diskant, das orgelpunktartig eingesetzte
Nachschwingen- und Hallen der Saiten - fast eine summarische Erinnerung eines Pianisten
an die Klavierliteratur, für einen kurzen Traum auf wenige "Embleme"
komprimiert.
Der Abend war vor allem auch kurzweilig des Spaßes am erreichten Können
und an der Virtuosität wegen, den die jungem Leute mitbrachten. Wie geschaffen
für Spiellaune und Demonstration, in der Schule der Geläufigkeit bestens
abgeschnitten zu haben, war die rondoartig aufgebaute Sonate von Carl Vine aus dem
Jahre 1990, die Dorel Golan (3. Preis) spielte. Wie man mit zwei "Bewusstseinen"
denken, also kleine Themenkomplexe parallel laufen lassen kann, kam anschließend
in der Bearbeitung des Türkischen Marschs von Arcadi Volodos zum Ausdruck.
Yulianna Avdeevas (2. Peis) balancierte die beiden Seiten Prokofjews, das selig Melodische,
melancholisch Gedämpfte auf der einen und das heiter burleske Moment in den technizistischen
Repetitionen auf der anderen Seite geradezu würdevoll aus. Die düster gestimmten
Partien in der 2. Sonate in d-Moll waren von der kühlen Brillanz des Maschinellen
kaum noch aufzuhellen - eine stilistisch niveauvolle Leistung der jungen Pianistin,
die mit Gregorij Ginsburgs Bearbeitung des Figaro-Themas aus dem "Barbier"
als Zugabe für Begeisterung sorgte.
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Auf attraktivem Mittelweg zum Erfolg
Gedanken eines lauschenden Gastes aus der Jurorenlogedes Bremer Klavierwettbewerbs
von Peter Cossé
Zu den erhabenstens Chancen des Künstlers zählt es, sich von gesellschaftlichen
Zwängen (oder Gesetzmäßigkeiten) loszusagen, um seine Kunst in einem
quasi freien Erlebens- und Projektionsraum zu entfalten. Nicht anders ist es zu begreifen,
wenn vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (und natürlich
auch heute!) einander widersprechende, gegensätzliche interpretatorische Haltungen
zu beobachten sind, die unter ganz besonderen Umständen sogar in direkten Wettstreit
miteinander stehen.
Es empfiehlt sich, die Musikszene der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen. In den
Tagen des deutenden Alleinganges waren die Künstler im Allgemeinen noch einzig
und allein auf den Notentext verwiesen. Natürlich hatte man von manchen Stücken
Konzertinterpretationen im Gedächtnis, aber auch diese waren die Frucht einer
stummen, gleichwohl flammenden Zwiesprache zwischen dem Geschriebenen und dem erwägenden,
auch flammenden Temperament des jeweiligen Spielers. Keine Tonträger, kein durch
technische Konservierung und Vervielfältigung kanalisiertes interpretatorisches
Wertgefühl leiteten und kanalisierten die darstellerischen Bemühungen.
Das bedeutet in allerletzter und unglücklichster Konsequenz: der Musikant unserer
Tage bietet gestalterische Anpassung - gewissermaßen verfügte, mehrheitsfähige
Werktreue! - auf möglichst hohem technischem Niveau, um einem vorinformierten
Publikum oder einer spezialisierten Jury die Möglichkeit zu geben, die eigenen
Maßstäbe, die eigenen Erfahrungen in seinem Spielverhalten wiederzuerkennen.
Er pariert dem Zeitgeschmack. Erfolg und Gewinn hat im Allgemeinen, wer seinem Können
und seinem Wirken Mehrheitsfähigkeit verleihen kann. Den Zuschlag erhält
erfahrungsgemäß jener, der einen attraktiven Mittelweg einschlägt,
in kluger Abwägung ästhetischer Reize, der Gesamtkosten, der politischen
Lokalatmosphäre und vielleicht sogar in Kenntnis des Juryprofils.
Indes: kein System hätte Chancen, gelebt zu werden, wenn es nicht Freiräume
der Widerspenstigkeit und der Regelwidrigkeit eröffnen würde. Unter ganz
besonderen Umständen gelingt es waghalsigen Naturen, gleichsam in autonomer Abenteuerlust
(oder Sturheit), selbst konservativste Hörer für sich einzunehmen, das heißt:
im unwiderstehlichen Angriff auf den hörenden Gegenüber und zugleich auf
die geliebten Konventionen vermögen sie kraft ihrer Persönlichkeit und ihres
Könnens neue Maßstäbe zu setzen. Das Neue, das Fremde changiert im
rätselhaften Quantensprung zum Altvertrauten. Es scheint, als ob das Ungekannte
nur auf der Lauer gelegen hätte, um nun endlich an die Stelle des Eingeübten
zu treten.
Unversehens haben wir Musikenthusiasten es nicht länger mit musikalischen Vollzugsbeamten,
mit Bürokraten des Tasten-wesens zu tun, sondern mit faszinierenden Charakterköpfen
und ihren entsprechenden Charakterorganen - gleich, ob sie nun schlagen, streicheln,
blasen, zupfen oder streichen. Musik in ihren verschiedensten Vitalformen und Aggregatzuständen
bleibt nicht länger auf Punkte, Striche und Komma, nicht länger auf aufführungspraktische
Richtigkeit eingeengt. Nein, sie entfaltet sich neu und unwiederholbar als Botschaft,
als Kunde eines Anderen, eines Unbenennbaren, das uns erschauern und erahnen lässt,
was es mit diesem oder jenem Stück in Wahrheit auf sich haben könnte.
In Bremen nun erlebten wir Juroren eine in gewisser Hinsicht altmodische, gleichwohl
in ihren musikalischen Gegensätzlichkeiten und Unvorhergehörtheiten zukunftsweisende
Veranstaltung. Selten habe ich (meist) junge Pianisten erlebt, deren Leistungen von
Stück zu Stück, von Durchgang zu Durchgang so schwankend im Positiven des
Bewussten, aber auch im Bedenklichen des Verfehlens waren. Von Tag zu Tag also eine
monumentale Lehrstunde, ein erregendes Privatissimum unterschiedlichster Mitteilungen
und Verheimlichungen, was die Interna der betreffenden Werke anbelangte - und natürlich
auch in Bezug des technischen Ausbildungsstandes und der momentanen seelischen und
körperlichen Verfassung.
Dabei sollte eine Problematik nicht unerwähnt bleiben. Im an sich gemütlichen,
familiären Sendesaal von Radio Bremen gibt es für die Juroren keine Möglichkeit,
sich etwas mehr im Hintergrund zu platzieren. Wer schon würde im Konzertsaal die
erste Reihe wählen?! So kommt es zu einer Atmosphäre mit ungewolltem Vernehmungs-charakter.
Die Spieler fühlen sich nicht nur publikumsmäßig belauscht, sondern
auch beobachtet - und sie können aus den Augenwinkeln jede Reaktion der Jury dechiffrieren.
Hinzu kommt, dass ein kraftvolles, auf einen größeren Saal hin justiertes
Klavierspiel - aus dieser Nähe erlebt - allzu leicht eine brutale akustische Dimension
gewinnt. In der Glocke wirkten die Dimensionen dann zurechtgerückt, denn dort
hatte ein im wahrsten Sinne des Wortes raumsprengendes Klavierspiel wie jenes des Siegers
Julian Gorus den gesunden Charakter überwältigender, gleichsam jugendlich-erwachsener
Strahlkraft ohne jede Beengung von Raum und resonierender Zeit. Es wäre deshalb
zu überlegen, den dritten Solodurchgang in der Glocke auszutragen.
Ähnlich dem Ärzte- und Psychologenmilieu unterliegen wir Juroren der Schweigepflicht,
was uns freilich nicht dazu verurteilen wird, mundtot zu sein. Die meisten von uns
fühlen sich nicht als Polizisten eines musikalischen Straßenverkehrs, dessen
Sünder mit Strafen, beziehungsweise mit Spielberechtiungsentzug belegt werden.
Wir hören, wir lernen, wir staunen, wir diskutieren - auch heftig - über
all jene Charaktere, die aus vieler (auch grässlicher) Herren Länder mit
ihren Hoffnungen und auch Fehleinschätzungen angereist sind. Wir lernen - dank
sei dem der Gegenwart holden Wettbewerbsprogramm in Bremen - neue Stücke kennen,
wir werden gezwungen, uns über eingelernte Bewertungsmuster Rechenschaft zu geben
und sie gegebenenfalls zu revidieren.
Es herrscht unter den Juroren ein Wettbewerb der Anschauungen, der sich im Ja und Nein,
später in den Punkten niederschlägt. Ein engagiert, aber friedlich ausgetragener
Wettstreit mit allen Konsequenzen der Bestätigung, der kollegialen Nähe und
der Distanzbildung. Und einmal mehr darf ich es für alle Zukunft wünschen,
ja fordern, auch hier im Reglement zu verankern, dass der bewertende Juror seine Schüler
zu Hause lassen sollte. Es bleibt eine schier unmenschliche Aufgabe, nicht nur korrekt
zu bleiben gegenüber dem eigenen Schutzbefohlenen, sondern auch gegenüber
den "Konkurrenten". Der Bremer Wettbewerb ist vom Pulsschlag einer fachbezogenen
Freundschaftlichkeit geprägt. Internationalität scheint hier nach einem langbewährten
Muster in Familiensinn umgemünzt zu sein. Die Pianisten und Pianistinnen fühlen
sich gefordert und geborgen zugleich. Sie zögern nicht, die Juroren anzusprechen,
sie knüpfen untereinander jene Bande, die - wie auch in diesem Jahr - die zartesten
sein können.
Dies macht unsere Arbeit leicht, weil wir das Gefühl haben, die für den jeweils
nächsten Durchgang Abgewiesenen nicht ins Unglück und schon gar nicht in
ein momentanes Vakuum zu stürzen. Und was eine Jury als eine sonderbare Zufallsgemeinschaft
aus Individualisten, aus fruchtbaren Sonderlingen, aus spielenden Berühmtheiten
und mehr oder weniger namhaften Hauptberufsbeobachtern anbelangt, so ist es eine der
schönsten Erfahrungen, weitgehend in Harmonie auseinanderzugehen, ja mehr noch:
es herrscht Vorfreude, sich andernorts oder sogar in Bremen wiederzutreffen.
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