Preisträgerkonzert in der Glocke
Von unserem Redakteur Arnulf Marzluf
Auch beim Schlusskonzert des Bremer Klavierwettbewerbs mit Verleihung der Preise herrschte jene Workshop-Atmosphäre, die eigentlich das Lebenselement der Kultur bedeutet: dem ewigen und der Sache gar nicht immer dienlichen Anspruch auf den Pomp endgültiger Vollendung abhold. Gerade weil es ein Wettbewerb von Musikern ist, die ihren geeigneten Weg ins Konzertleben suchen, geht es um den Kern der Sache: wie baue ich einen Klang, eine Figur, einen Übergang auf, wie finde ich die geeignete Großform, in welchem Ausdrucksfeld finden wir - Publikum und Pianist - uns am Ende zusammen. Dinge, die in anderen Konzerten oft leicht verloren gehen. Dies mag der Grund sein, weshalb der öffentliche Teil und die Schlusskonzerte dieses Wettbewerbs ein so großes Echo beim sachkundigen Bremer Publikum erreichten. An dem Bulgaren Julian Gorus (1. Preis), der das gut eine Viertelstunde dauernde Auftragsstück von András Hamary spielte und nach der Pause Tschaikowskis b-Moll-Konzert (op. 23), konnte man beobachten, wie ein starker individueller Gestaltungswille vereint mit stupender Technik mit der objektiv gegebenen Gestalt der Komposition ringt. In dieser Offenheit und Unmitttelbarkeit kann man das vielleicht nur noch in diesem Stadium der Aneignung der große Werke erleben. Die Konsequenz bis Rückhaltlosigkeit, mit der Gorus die Figuren auszuhören sich anschickte und entsprechende Klangmittel einsetzte, sich oft wie ein wilder Jäger auf Spurenlese begab, um zu vernehmen, wohin das Material denn wolle, war so ungewöhnlich wie tief beeindruckend. Es forderte natürlich auch die Bremer Philharmoniker zu einer nicht alltäglichen Flexibilität heraus, um von dieser subjektiven Spontaneität nicht abgehängt zu werden. Unter der Leitung von Gabriel Feltz ergab sich ein ungewöhnlich unprätenziöser, bis auf die Knochen ehrlicher, das heißt einen auf das reine musikalische Material russischer Melodien- und Tanzseligkeit und donnernd berstenden Ausdrucks gebrachter Tschaikowski. Im Untergrund schläft bei Gorus zudem der auch wichtige gebändigte aggressive Zugriff, die Klaue für die Tasten. Die in diesem Jahr entstandene Sonate des 1950 geborenen Pianisten und Komponisten András Hamary war eine gemäßigt moderne und sehr auf den "Wortschatz" des Klaviers abgestimmte Klangstudie. Da waren die typischen Klangballungen im Bassbereich, die aufscheinend melodischen Linien, der fistelige Diskant, das orgelpunktartig eingesetzte Nachschwingen- und Hallen der Saiten - fast eine summarische Erinnerung eines Pianisten an die Klavierliteratur, für einen kurzen Traum auf wenige "Embleme" komprimiert. Der Abend war vor allem auch kurzweilig des Spaßes am erreichten Können und an der Virtuosität wegen, den die jungem Leute mitbrachten. Wie geschaffen für Spiellaune und Demonstration, in der Schule der Geläufigkeit bestens abgeschnitten zu haben, war die rondoartig aufgebaute Sonate von Carl Vine aus dem Jahre 1990, die Dorel Golan (3. Preis) spielte. Wie man mit zwei "Bewusstseinen" denken, also kleine Themenkomplexe parallel laufen lassen kann, kam anschließend in der Bearbeitung des Türkischen Marschs von Arcadi Volodos zum Ausdruck. Yulianna Avdeevas (2. Peis) balancierte die beiden Seiten Prokofjews, das selig Melodische, melancholisch Gedämpfte auf der einen und das heiter burleske Moment in den technizistischen Repetitionen auf der anderen Seite geradezu würdevoll aus. Die düster gestimmten Partien in der 2. Sonate in d-Moll waren von der kühlen Brillanz des Maschinellen kaum noch aufzuhellen - eine stilistisch niveauvolle Leistung der jungen Pianistin, die mit Gregorij Ginsburgs Bearbeitung des Figaro-Themas aus dem "Barbier" als Zugabe für Begeisterung sorgte.
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