Weser Kurier 17. Oktober 2003

Auf attraktivem Mittelweg zum Erfolg

Gedanken eines lauschenden Gastes aus der Jurorenlogedes Bremer Klavierwettbewerbs
von Peter Cossé

Zu den erhabenstens Chancen des Künstlers zählt es, sich von gesellschaftlichen Zwängen (oder Gesetzmäßigkeiten) loszusagen, um seine Kunst in einem quasi freien Erlebens- und Projektionsraum zu entfalten. Nicht anders ist es zu begreifen, wenn vor allem in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (und natürlich auch heute!) einander widersprechende, gegensätzliche interpretatorische Haltungen zu beobachten sind, die unter ganz besonderen Umständen sogar in direkten Wettstreit miteinander stehen.
Es empfiehlt sich, die Musikszene der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen. In den Tagen des deutenden Alleinganges waren die Künstler im Allgemeinen noch einzig und allein auf den Notentext verwiesen. Natürlich hatte man von manchen Stücken Konzertinterpretationen im Gedächtnis, aber auch diese waren die Frucht einer stummen, gleichwohl flammenden Zwiesprache zwischen dem Geschriebenen und dem erwägenden, auch flammenden Temperament des jeweiligen Spielers. Keine Tonträger, kein durch technische Konservierung und Vervielfältigung kanalisiertes interpretatorisches Wertgefühl leiteten und kanalisierten die darstellerischen Bemühungen.
Das bedeutet in allerletzter und unglücklichster Konsequenz: der Musikant unserer Tage bietet gestalterische Anpassung - gewissermaßen verfügte, mehrheitsfähige Werktreue! - auf möglichst hohem technischem Niveau, um einem vorinformierten Publikum oder einer spezialisierten Jury die Möglichkeit zu geben, die eigenen Maßstäbe, die eigenen Erfahrungen in seinem Spielverhalten wiederzuerkennen. Er pariert dem Zeitgeschmack. Erfolg und Gewinn hat im Allgemeinen, wer seinem Können und seinem Wirken Mehrheitsfähigkeit verleihen kann. Den Zuschlag erhält erfahrungsgemäß jener, der einen attraktiven Mittelweg einschlägt, in kluger Abwägung ästhetischer Reize, der Gesamtkosten, der politischen Lokalatmosphäre und vielleicht sogar in Kenntnis des Juryprofils.
Indes: kein System hätte Chancen, gelebt zu werden, wenn es nicht Freiräume der Widerspenstigkeit und der Regelwidrigkeit eröffnen würde. Unter ganz besonderen Umständen gelingt es waghalsigen Naturen, gleichsam in autonomer Abenteuerlust (oder Sturheit), selbst konservativste Hörer für sich einzunehmen, das heißt: im unwiderstehlichen Angriff auf den hörenden Gegenüber und zugleich auf die geliebten Konventionen vermögen sie kraft ihrer Persönlichkeit und ihres Könnens neue Maßstäbe zu setzen. Das Neue, das Fremde changiert im rätselhaften Quantensprung zum Altvertrauten. Es scheint, als ob das Ungekannte nur auf der Lauer gelegen hätte, um nun endlich an die Stelle des Eingeübten zu treten.
Unversehens haben wir Musikenthusiasten es nicht länger mit musikalischen Vollzugsbeamten, mit Bürokraten des Tasten-wesens zu tun, sondern mit faszinierenden Charakterköpfen und ihren entsprechenden Charakterorganen - gleich, ob sie nun schlagen, streicheln, blasen, zupfen oder streichen. Musik in ihren verschiedensten Vitalformen und Aggregatzuständen bleibt nicht länger auf Punkte, Striche und Komma, nicht länger auf aufführungspraktische Richtigkeit eingeengt. Nein, sie entfaltet sich neu und unwiederholbar als Botschaft, als Kunde eines Anderen, eines Unbenennbaren, das uns erschauern und erahnen lässt, was es mit diesem oder jenem Stück in Wahrheit auf sich haben könnte.
In Bremen nun erlebten wir Juroren eine in gewisser Hinsicht altmodische, gleichwohl in ihren musikalischen Gegensätzlichkeiten und Unvorhergehörtheiten zukunftsweisende Veranstaltung. Selten habe ich (meist) junge Pianisten erlebt, deren Leistungen von Stück zu Stück, von Durchgang zu Durchgang so schwankend im Positiven des Bewussten, aber auch im Bedenklichen des Verfehlens waren. Von Tag zu Tag also eine monumentale Lehrstunde, ein erregendes Privatissimum unterschiedlichster Mitteilungen und Verheimlichungen, was die Interna der betreffenden Werke anbelangte - und natürlich auch in Bezug des technischen Ausbildungsstandes und der momentanen seelischen und körperlichen Verfassung.
Dabei sollte eine Problematik nicht unerwähnt bleiben. Im an sich gemütlichen, familiären Sendesaal von Radio Bremen gibt es für die Juroren keine Möglichkeit, sich etwas mehr im Hintergrund zu platzieren. Wer schon würde im Konzertsaal die erste Reihe wählen?! So kommt es zu einer Atmosphäre mit ungewolltem Vernehmungs-charakter. Die Spieler fühlen sich nicht nur publikumsmäßig belauscht, sondern auch beobachtet - und sie können aus den Augenwinkeln jede Reaktion der Jury dechiffrieren. Hinzu kommt, dass ein kraftvolles, auf einen größeren Saal hin justiertes Klavierspiel - aus dieser Nähe erlebt - allzu leicht eine brutale akustische Dimension gewinnt. In der Glocke wirkten die Dimensionen dann zurechtgerückt, denn dort hatte ein im wahrsten Sinne des Wortes raumsprengendes Klavierspiel wie jenes des Siegers Julian Gorus den gesunden Charakter überwältigender, gleichsam jugendlich-erwachsener Strahlkraft ohne jede Beengung von Raum und resonierender Zeit. Es wäre deshalb zu überlegen, den dritten Solodurchgang in der Glocke auszutragen.
Ähnlich dem Ärzte- und Psychologenmilieu unterliegen wir Juroren der Schweigepflicht, was uns freilich nicht dazu verurteilen wird, mundtot zu sein. Die meisten von uns fühlen sich nicht als Polizisten eines musikalischen Straßenverkehrs, dessen Sünder mit Strafen, beziehungsweise mit Spielberechtiungsentzug belegt werden. Wir hören, wir lernen, wir staunen, wir diskutieren - auch heftig - über all jene Charaktere, die aus vieler (auch grässlicher) Herren Länder mit ihren Hoffnungen und auch Fehleinschätzungen angereist sind. Wir lernen - dank sei dem der Gegenwart holden Wettbewerbsprogramm in Bremen - neue Stücke kennen, wir werden gezwungen, uns über eingelernte Bewertungsmuster Rechenschaft zu geben und sie gegebenenfalls zu revidieren.
Es herrscht unter den Juroren ein Wettbewerb der Anschauungen, der sich im Ja und Nein, später in den Punkten niederschlägt. Ein engagiert, aber friedlich ausgetragener Wettstreit mit allen Konsequenzen der Bestätigung, der kollegialen Nähe und der Distanzbildung. Und einmal mehr darf ich es für alle Zukunft wünschen, ja fordern, auch hier im Reglement zu verankern, dass der bewertende Juror seine Schüler zu Hause lassen sollte. Es bleibt eine schier unmenschliche Aufgabe, nicht nur korrekt zu bleiben gegenüber dem eigenen Schutzbefohlenen, sondern auch gegenüber den "Konkurrenten". Der Bremer Wettbewerb ist vom Pulsschlag einer fachbezogenen Freundschaftlichkeit geprägt. Internationalität scheint hier nach einem langbewährten Muster in Familiensinn umgemünzt zu sein. Die Pianisten und Pianistinnen fühlen sich gefordert und geborgen zugleich. Sie zögern nicht, die Juroren anzusprechen, sie knüpfen untereinander jene Bande, die - wie auch in diesem Jahr - die zartesten sein können.
Dies macht unsere Arbeit leicht, weil wir das Gefühl haben, die für den jeweils nächsten Durchgang Abgewiesenen nicht ins Unglück und schon gar nicht in ein momentanes Vakuum zu stürzen. Und was eine Jury als eine sonderbare Zufallsgemeinschaft aus Individualisten, aus fruchtbaren Sonderlingen, aus spielenden Berühmtheiten und mehr oder weniger namhaften Hauptberufsbeobachtern anbelangt, so ist es eine der schönsten Erfahrungen, weitgehend in Harmonie auseinanderzugehen, ja mehr noch: es herrscht Vorfreude, sich andernorts oder sogar in Bremen wiederzutreffen.


(C) 2006 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken